UP TO DATE III/2011 (September - Dezember) von Breitkopf & Härtel

Weitere Breitkopf & Härtel Kataloge | UP TO DATE III/2011 (September - Dezember) | 16 Seiten | 2011-10-26

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Seite 13 von UP TO DATE III/2011 (September - Dezember)

eines extrem linearen kontrapunktischen satzes dessen linien wie nervenbahnen subtilste reize empfangen und aussenden und sich immer wieder zu kulminationspunkten verdichten verfolgt er einen eigensinnigen ansatz verbindungen zur musikgeschichte sind indes unabweisbar ist die entwicklung und ausweitung polyphoner strukturen doch ein maßgebliches merkmal der abendländischen musik überhaupt illés bezieht sich zumal auf die amerikanischen komponisten charles ives und elliott carter ohne dass er sie imitieren würde ives der bereits anfang des 20 jahrhunderts gegensätzliche musikalische welten aufeinanderprallen ließ und der über hundertjährige zeitgenosse carter der in der polyrhythmischen anlage seiner werke heterogene zeitmaße und charaktere vereint worin er eine entsprechung zum leben selbst sieht auch illés fasst seine musik nicht zuletzt als antwort auf das leben auf ­ in reaktion auf die Überfülle an reizen und bedrängnissen der außenwelt zieht er sich künstlerisch auf seine eigene insel zurück im kern verbirgt sich dahinter ein zutiefst romantischer ansatz gerade weil illés die welt nicht ausblendet was auch geistigen auge auch sichtbar werden ­ wenn sich wie in torso iii für ensemble von 2007 überdichte energiegeladene motiv-komplexe quasi aufstapeln ihre schatten über dem imaginären torso ausbreiten und dessen zur vollständigen skulptur fehlende glieder mit energie ausfüllen torso vi entstand für das haydn trio eisenstadt zum 200 todestag haydns und trotz des festhaltens am torso prinzip gelangte der klassiker indem illés dessen neigung zur monothematik ins monogestische verwandelte gleichsam durch die hintertür hinein haydns gratwanderung zwischen traditionsbewusstsein und rebellischem aufbrechen von konventionen nimmt illés auch für sich selbst in anspruch so in scene polidimensionali xvi körök kreise von 2008/2009 körök schrieb illés für das «into»projekt von siemens arts program und ensemble modern in dessen rahmen er sich einen monat lang von dubai inspirieren ließ sehr oft so illés wurde über das stück gesagt es seien arabische elemente drin was sich arabisch anhört ist aber eher ungarisch vielleicht weil die osmanische musik einst die ungarische volksmusik stark beeinflusst hat womöglich ist durch die dubai-erfahrung das osmanisch-ungarische aus mir herausgeplatzt ich zitiere auch ungarische volkstänze die ich nur geringfügig verfremdet habe wie ein wink oder eine ferne erinnerung tauchen die allusionen ungarischer volksmusik auf um wie ein traumbild wieder zu entschwinden illés bindet diese anklänge bewusst nicht nahtlos ein sondern lässt sie wie assoziative einschübe revue passieren sie geraten zu konkreten projektionen eines geistigen raums in dem er sich ansonsten intuitiv bewegt dass gerade in der auseinandersetzung mit der fremdheit und faszination der arabischen metropole die eigene identität ­ die in der ungarischen tradition verwurzelte musiksprache ­ so markant durchbrach war für illés eine wichtige erkenntnis anflüge von sentimentalität finden sich in körök aber nicht im gegenteil der insistierende nachdruck einer harschen zentralgeste gemahnt an gleißende klangfontänen deren manische entwicklungslinien kaum im zaum zu halten sind egbert hiller torsohaftes im klaviertrio torso vi gar nicht möglich wäre sondern sie mit bizarrer intensität indirekt reflektiert und kommentiert auch seine sehnsucht nach eindimensionalität und einfachheit die sich in form kleiner klanginseln bahn bricht muss vor diesem hintergrund gesehen werden erst im kontrast mit hoher komplexität kommt diese einfachheit überhaupt zur geltung um diese spannung zu kontrollieren aber auch pointiert zu artikulieren strebt illés beim komponieren nach größtmöglicher präzision ­ auch in dem 2006 begonnenen torso-zyklus der auf den scene polidimensionali aufbaut aber andere schwerpunkte setzt dafür entwarf illés ein verfahren das am torso als sinnbild für kompakte dichte einerseits und das fragmentarische andererseits orientiert ist für alle torso-stücke kennzeichnend sind zersplitterte motive und schroffe rhythmische gestalten die in einer streng konstruierten dabei aber von brüchen durchdrungenen großform aufgehen auch die torso-reihe korrespondiert wie schon der aus der bildhauerei entlehnte begriff impliziert mit visuellen vorstellungen energien und ihre schatten sollen nicht nur hörbar sondern vor dem scene polidimensionali xvi körök kreise für ensemble beginn up to date · iii-2011 · manische entwicklungslinien ­ márton illés 13