Birkenkötter, Jörg (*1963) von Breitkopf & Härtel

Weitere Breitkopf & Härtel Kataloge | Birkenkötter, Jörg (*1963) | 10 Seiten | 2011-10-26

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Seite 4 von Birkenkötter, Jörg (*1963)

klänge dynamisch prägnant durchgestaltete sinngruppen von freilich serieller anmutung mehr und mehr aber erweist sich diese gestik als vordergründige folie die verfugungen des satzes weiten sich zu nischen ­ und hörbar wird was subkutan auch immer klingt subtil wetterleuchtende flageolett-echos die gleichsam spannungsgeladene stille als phase des nachlauschens oder in erwartung des nächsten ereignisses wie hier eine fragmentierung der musikalischen zeit platz greift macht auf geradezu suggestive weise bereits ein blick ins kalligraphisch meisterlich disponierte notenbild klar doch nur im nachvollzug der modulhaft inszenierten klanglichkeit wird evident dass birkenkötter die tönende materie gleichsam unter der lupe und schließlich unterm mikroskop erfahrbar macht hohe auflösungen bringen konturen zum verschwimmen vibrationen am rande der stille werden spürbar schließlich verdichten sich die regungen wieder zu schwebend feinen akkorden das komponieren sieht birkenkötter immer auch als eine möglichkeit den direkten einfall oder die direkte phantasie zu konfrontieren mit etwas woran sie sich reiben muss dies in der von ihm selbst formulierten hoffnung dass sich ein gedanke komplexer entwickeln kann wenn er sich selbst nochmal etwas in den weg stellt im falle des ensemblestückes spiel/abbruch 1993/94 gab es die ausgangsidee das live-instrumentalspiel zu konfrontieren mit elektroakustisch subtilst verarbeiteten instrumentalklängen schleichende Übergänge und leise verschattungen des klanges führen zu irritationen was da klingt ist es noch das klavier das akkordeon das tamtam oder ist es bereits die virtuelle realität des elektronischen mediums der formverlauf des werkes erweist sich auch hier als quasi zur gestalt geronnener prozess einer kompositorischen forschungsarbeit dabei kippten die ursprünglichen prämissen des stückes im verlauf seiner genese immer wieder in unerwartete richtungen was so entstand ist keine offene form sondern eine form mit offenem ende im mittelteil des vielschichtigen werkes gibt es viele abbrüche und lange pausen hier haben die klänge raum und vor allem zeit Über das lauschen hinein ins verwehte tönen über ahnungsvolles antizipieren wieder anders ausgeleuchteter chiffren richtet sich der fokus des rezipienten unversehens auch auf die intensität der eigenen wahrnehmung vor allem hier erweist es sich dass birkenkötters loten im inwendigen universum des klanges und seine stillen nichts zu tun haben mit vordergründiger mystik nicht meditation oder sich-hineinversenken wird hier provoziert sondern ein wachwerden und genaues hinein-hören ein bewusstwerden schwebender möglichkeiten zu beginn der komposition gekoppelt ­ getrennt 1997 fungieren zwei solistische klaviere als eine art impulsgeber für orchesterklänge doch diese koppelung der sphären wird bald aufgehoben es kommt zu verschiedenen graden der annäherung und entfernung der verläufe aber auch zu irritationen birkenkötter spielt möglichkeiten des immer wieder neuen beginnens und unterrschiedlichen gewichtens durch im reagenzglas mag es eindimensional ablaufende prozesse geben doch es ist das immer komplexer werdende heutige leben das sich in dieser kunst spiegelt in jedem augenblick der musik gilt es den hörwinkel zu korrigieren halluzinatorische erinnerungsmomente fallen ein im weiteren verlauf werden vom tonband mitgeschnittene phasen aus dem anfangsbereich zugespielt auch hier ein spiel mit wahrheit und fiktion mit realität und simulation die grenzen sind heute fließend geworden unsere sinne lassen sich leicht täuschen menschen aber die nicht gewillt sind es sich bequem zu machen in den watteräumen virtueller realitäten werden sensibilisierende musik dieser art willkommen heißen freilich betreibt jörg birkenkötter keine plumpe zivilisationskritik er misstraut hinsichtlich seiner kunst verbalen eindeutigkeiten in einer zeit die geschlossene weltbilder nicht mehr kennt setzt er auf musikalisch-kommunikative versuche und noch im ausklang des konkreten werkes entsteht das gefühl jetzt weiter komponieren weiter hören zu können dabei ist jeder abschluss ein potenzieller anfang die möglichkeit ein klangliches spiel weiter ausdifferenzieren zu können rückt offenheit ins blickfeld freiheit aber diese freiheit ist nicht einfach da sondern will erarbeitet sein helmut rohm 4