Birkenkötter, Jörg (*1963) von Breitkopf & Härtel

Weitere Breitkopf & Härtel Kataloge | Birkenkötter, Jörg (*1963) | 10 Seiten | 2011-10-26

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Seite 3 von Birkenkötter, Jörg (*1963)

Ü berj Ö rgbirkenk Ö tterjörg birkenkötter ein überaus wacher kopf ohne dem mitunter am oberflächlich spektakulären sich labenden kunstbetrieb tribut zu zollen geht dieser komponist mit bedachtsamer stetigkeit einen erfolgreichen weg freundlich lädt uns seine musik ein das unbegrenzte land sinnlicher erfahrungen mit offenen ohren zu durchstreifen sie versteht sich als ein immer wieder neues angebot zur reflexion sie sensibilisiert unsere wahrnehmungsfähigkeit und ermöglicht es auch im scheinbar alltäglichen die feinheiten des besonderen zu erspüren aus ungewohnten perspektiven zeigt sie hinein ins zentrum des kostbaren augenblicks und zugleich eröffnet sie weite horizonte den Übertrumpfungsstrategien und aufgeregtheiten unserer bildklangflutenden medienzivilisation setzt sie die kontrollierte suche nach relevanz und wahrhaftigkeit entgegen seine kompositionslehrer nicolaus a huber und helmut lachenmann hatten es verstanden zu unterstützen zu hegen weiter auszuprägen was früh schon angelegt war in birkenkötters ureigenster ästhetischer disposition die verbindung einer geradezu seismographischen klangsensibilität mit einer strukturalistisch ausgerichteten analytisch-kritischen kompositionshaltung während in früheren werken vielfach die binnenkräfte pointillistischer tonaggregate ausgelotet wurden gibt es in jüngeren arbeiten eine tendenz zu vorwärtsorientierter prozesshaftigkeit diese hat freilich nichts im sinn mit stringenter linearität es werden verschlungene wege eingeschlagen sie entstehen mit luigi nono bzw antonio machado zu sprechen im kompositorischen gehen fragmentarische ereignisse oft geradezu skulptural anmutende splitter treten in neue beziehungen zueinander mitunter beginnt der musikalische duktus sich zu verflüssigen und immer wieder gibt es jähes erstarren doch sukzessive weitet sich der musikalische horizont münden die wege in eine landschaft der möglichkeiten wie hatte doch goethe gesagt willst du ins unendliche schreiten geh nur im endlichen nach allen seiten als anregend für seine kompositorische phantasie empfindet birkenkötter oft werkideen welchen a priori eine gewisse polarität der kräfte innewohnt zum beispiel eine gegensätzlichkeit musikalischer entwicklungsperspektiven doch was sich widerspiegelt in werktiteln wie zur nähe ­ voran spiel/abbruch gekippte genauigkeiten oder gekoppelt ­ getrennt gerinnt niemals zum traditionell-dialektischen formschema etwa zu einer späten variante des sonatenhauptsatz-typus denn stets entfaltet sich das werden eines konkreten stückes in abhängigkeit von den gewählten materialien und den aus den möglichkeiten des gewählten instrumentariums sich eröffnenden spielräumen die jedesmal anders ausgerichteten kompositorischen strategien führen in immer neue und unterschiedliche formgenerierende abenteuer denn das entstehen jeder partitur ist gleichsam rückgekoppelt mit sich selbst den meisten werken jörg birkenkötters gemeinsam ist ein umgang mit vertrauten bzw scheinbar vertrauten materialien nicht dass dieser komponist platt zitieren würde sich auf eine längst salonfähig gewordene weise bediente im dorado der musikalischen vergangenheit birkenkötter rückt dezidiert ins bewusstsein dass der unverdeckt verwendete ton etwa einer posaune oder der klang eines beckens immer auch die aura seiner gewachsenen kontexte mit entfaltet durch die wohlbedachte strukturelle integration überkommener intervallischer klangfarblicher oder auch gestischer momente findet er zu neuen qualitäten die verwendeten klänge sind so nach seiner eigenen aussage doppelt ernst genommen als historisch bekanntes und zugleich als physikalisch-akustisch auseinandernehmbares und deshalb komponierbares und neuformulierbares zu beginn des 1991 entstandenen klavierstücks schwebung und strenge etwa spielen pianistische bewegungsformeln eine rolle wie man sie aus mannigfachen zusammenhängen als virtuose gesten kennt arpeggierte 3 Über jörg birkenkötter 3